Sommer-Trainingslager mit Suchtpotenzial
von Irena Angelovski
Samstag, 24. Juli
Wir kommen als Raspenava-Neulinge an und treffen uns zum ersten Kennenlernen und Eintanzen. Laut Teilnehmerliste sind wir wenige Hobby-Tänzer und etliche Turnierpaare der unterschiedlichen Klassen. Wir betreten die Halle und erkennen sofort, wer zu welcher Gruppe gehört. Latein-Turniertänzerinnen sind nicht nur halb so alt wie ich, sondern vor allem halb so breit - dafür haben sie doppelt soviele Gelenke. Sie tragen kurze Röckchen und schwindelerregend hohe Absätze. Die Männer haben elegante schwarze Hosen zwischen ihrem Waschbrettbauch und die Wespentaille gegurtet und Oberarme, in die selbst ich mich bedenkenlos sinken lassen könnte. Die Musik fängt unverkennbar im Cha-Cha-Rhythmus an und die jungen Turniertänzer wirbeln über die Tanzfläche, wobei mir nicht gelingt etwas zu erkennen, das mir bis dahin als Cha-Cha bekannt war. Mit dem Gedanken “Das kann ja heiter werden!” schlafe ich ein.
Sonntag, 25. Juli
Ausschlafen ist nicht, denn um 9.00 beginnt Bewegungslehre bei Jakub Mazuch für die Hobby-Tänzer und älteren Turnierpaare. Hurra! Das klappt, macht Spaß und bereitet wunderbar auf die erste Standardstunde im Anschluss vor. Und schon kommen wir auf den Boden der Tatsachen zurück: das, was wir bisher als Langsamen Walzer getanzt haben, hat mit dem, was die anderen können soviel zu tun wie Federball mit Badminton. Wir kommen mit dem glatten Boden nicht klar, haben noch nie Eröffnungsschritte getanzt und sind nach wenigen Minuten total frustriert. Zum Glück haben wir in Peter Zabystrzan den geduldigsten Trainer der Welt. Er ist nicht nur immer perfekt gestylt und freundlich, sondern holt jeden dort ab, wo er steht - was bei uns durchaus wörtlich zu verstehen ist. Dennoch gehen wir motiviert in die Mittagspause und sind gespannt auf die erste Lateinstunde am Nachmittag. Wie ein Wirbelwind nimmt uns Jaroslav Kunes mit in die Basis des Cha-Cha. War ich bisher davon überzeugt, dass ich sowohl auf Deutsch als auch Englisch anzählen kann, muss ich jetzt erkennen, dass es eine neue Zahl gibt, die quasi jeden Lateintanz einläutet: ääh (sie umschreibt eine Hüftbewegung, die Normalsterblichen wahrscheinlich immer ein Rätsel beiben wird) und die bei unserem Trainer einfach unwiderstehlich aussieht. Wir verbringen fast die ganze Stunde damit und gehen mit der Ahnung, was Lateintanzen ausmacht ins Hotel.
Montag, 26. Juli
Heute habe ich endlich einmal Zeit, auch auf andere wesentliche Dinge des Tanztrainings zu achten, denn ich habe mit dem Staunen aufgehört und kann die alten Raspenava-Hasen beobachten. So scheint es keineswegs egal zu sein, was man zum Training anzieht und Tanzschuhe reichen als Equipment keinesfalls aus. Auch dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Turniertänzern und der Hobbyklasse. Mit großen Taschen kommen die Standardturnierpaare in die Halle und verwandeln sich mit Hilfe von viel schwarzem Stoff von Menschen in Freizeitkleidung in Tanzsportler. Ganz besonders haben es mir die Übungsröcke angetan, die fast schon von alleine fliegen und den Damen eine ungeheure Leichtigkeit verleihen. Die Männer wirken mit Hosenträger und der Weste darüber elegant, ohne auch nur einen Schritt zu tun. Die Atmosphäre steckt an und unser Tango, der heute an der Reihe ist, gelingt gar nicht so schlecht.
Dienstag, 27. Juli
Oh weh - ich habe einen Kater! Denn es wird auch gefeiert in Raspenava - kein Wunder, die Leute sind nett, haben ein gemeinsames Thema und mit diversen Gläsern Wein verlieren sich die Leistungsunterschiede. Zwar verpassen wir den Wiener Walzer, aber dafür kennen wir nun die anderen Teilnehmer.
Mittwoch, 28. Juli
Nach der Standardstunde, in der wir uns dem Slowfox primär slow genähert haben, schwänzen wir den Nachmittag und fahren mit einem nostalgisch anmutenden Zug nach Liberic. Zwar sind der Rathausturm und andere Sehenswürdigkeiten schon geschlossen, aber wir essen sehr lecker und romantisch draußen an einem Bach und spazieren anschließend zum Stausee und genießen die Sonne. Auch für Menschen, die ein wenig shoppen wollen eignet sich das Städtchen.
Donnerstag, 29. Juli
Langsam werden wir richtig fit und können auch an der Bewegungslehre für Fortgeschrittene teilnehmen, behalten komplexere Salsafolgen und geraten nicht mehr außer Atem. Die Hüften werden lockerer, Begriffe werden alltäglich und wir lernen die Maßnahmen, mit denen man die verschiedenen Böden austrickst. Längst ist entschieden, dass wir nächstes Jahr wiederkommen und die Liste der Dinge, die wir nicht haben (und im Grunde auch nicht brauchen, aber haben wollen) wächst:
- Übungsrock für mich
- schwarze Hosen und Hemd (vielleicht mit Muster??) für Falk
- Rhinozerusöl (für glatte Schuhe) und Babypuder (für stumpfe Schuhe)
- viiiiiiiiiiiiel mehr T-Shirts zum Wechseln und weniger andere Sachen
Freitag, 29. Juli
Die letzten Trainingseinheiten haben stattgefunden und ich kann kaum glauben, dass die Woche schon vorbei ist, selten kam mir ein Urlaub so kurzweilig vor. Toll ist, wie sehr wir uns verbessert haben (nun, ich gebe zu, dass das schwieriger ist, wenn man schon gut ist!!). Gleich ist die letzte Practice-Night, in der wir jeden Abend das Neugelernte üben oder die Turnierpaare beobachten konnten. Und vielleicht findet ja heute eine Abschiedparty statt, bei der wir dann ganz frei über die Tanzfläche toben und uns freuen, denn wir wissen ja - nächstes Jahr in Raspenava.
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Der Beitrag wurde am Freitag, den 30. Juli 2010 um 17:34 Uhr veröffentlicht und wurde unter Seminare abgelegt.
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